19. Dezember 2019

Digital statt dezentral: Vermeintliches Krypto-Whitepaper der EZB

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Man könnte meinen: auch in Sachen Kryptowährungen verhalten sich die USA und Europa wie Tag und Nacht. Auf der Seite der Vereinigten Staaten disste Lael Brainard gestern die Bitcoin-Szene in Bausch und Bogen. Die Gouverneurin der US-Zentralbank Fed zitierte eine nebulose Studie, wonach gleich einmal die Hälfte aller BTC-Transaktionen und mehr als ein Viertel aller Bitcoin-Käufer illegalen Background hätten. Das hat schon beinahe die Tonalität der chinesischen Regierung.

Und Europa? Soeben veröffentlichte die Europäische Zentralbank (EZB) das Whitepaper einer eigenen Kryptowährung – so zumindest Medienberichte. Sieht man sich dieses Konzeptpapier aber genauer an, wird bald klar, dass die EU nicht ganz so weit entfernt vom Standpunkt der USA ist.

Die gegenständliche CBDC („Central Bank Digital Currency”) hat nämlich ungefähr genauso viel mit klassischen Kryptowährungen wie oben genanntem Bitcoin, Ethereum oder Ripple zu tun wie Facebooks Projekt Libra: So gut wie nix.

2 Tiers – zwei Ebenen: Was ist bitte neu?

Einzig: Man bedient sich hüben wie drüben der Blockchain-Technologie, um Transaktionen abzuwickeln, die daher naturgemäß schneller, billiger und sicherer sind als bisherige Systeme. Die CBDC wird aber – wenig überraschend – auch kein Coin, der an Kryptobörsen gehandelt werden wird. Viel mehr soll CBDC ein Vehikel für Geldverkehr sein, der mehr oder weniger ähnliche Wege und Mechaniken hat wie aktuell Fiatgeld.

CBDC soll ausschließlich von der Zentralbank (Tier 1) ausgegeben beziehungsweise in Anlehnung von Token Burns zerstört werden, um die Menge zu kontrollieren. Zwischen Zentralbank und Konsumenten ist eine Ebene zwischengeschalten: Tier 2. Sie setzt sich aus Vermittlern zusammen, die User betreuen sowie Transaktionen abwickeln und den Ledger betreiben. Dazu gesellen sich Behörden gegen Geldwäsche.

Dann schließlich kommen die User: Ihnen ist immerhin zugestanden, kleine Transaktionen anonym machen zu dürfen, bei größeren gibt es einen Identitäts-Check.

Hmm. Ausgabe durch Zentralbank, Betreuung durch Finanzinstitute (vulgo Banken) und Identitätsnachweis bei großen Geldmengen. Also: alles wie gehabt. Das Whitepaper könnte beinahe vom Euro stammen.

Unser Fazit: Wer Fan der echten, dezentralen Kryptowährungsidee ist, wird wohl auch weiterhin bei Bitcoin & Co. bleiben müssen. Was die EZB vorlegt, sieht lediglich nach einer Digitalisierung des bestehenden Geldsystems aus.

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Sascha Bém

Sascha Bém, Chefredakteur des Krypto-Monitors, ist erfahrener Journalist und Medienmacher. Er arbeitete in den vergangenen 20 Jahren in den Bereichen Tageszeitung, Magazin sowie Online – sowohl als publizierender Autor als auch als Chefredakteur – und unterstützt Organisationen als Medien- und Kommunikationsberater.
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