7. Juli 2019

Libra und die Ratlosigkeit des Finanzsektors

facebook libra

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die offiziellen Vertreter des klassischen Finanzmarkts in den vergangenen Tagen ihren Ton radikal geändert haben, wenn sie von Kryptowährungen sprechen. Bis vor kurzem wurden Digital Assets und das Treiben an den Kryptobörsen eher belächelt oder als Bubble abgetan.

Seit aber Facebook ernst macht und seinen Coin Libra angekündigt hat, herrscht Nervosität im Reich der dunklen Anzüge. Verständlicher Weise – wie Joachim Wuermeling, Vorstand der Deutschen Bundesbank gegenüber der FAZ vorrechnet: Wenn von den 2,7 Milliarden Facebook-Nutzern nur 100 Millionen mitmachten, hätte Libra schon mehr Kunden als der gesamte deutsche Bankenmarkt. Und weiter: „Facebook könnte zum größten Vermögensverwalter der Welt und damit systemrelevant werden.“

Banker fordern plötzlich Sicherheit

Dass ein Banker vor Systemrelevanz warnt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hat doch alleine der deutsche Bankensektor mit genau diesem Argument mehr als 250 Mrd. Euro für die Rettung in der Finanzkrise 2008 benötigt. Es ist eher schwer vorstellbar, dass Zuckerberg etwa bei der EU um einen Rettungsschirm bettelt, weil Facebook sich verzockt hat.

Auch in Österreich werden ähnliche Töne im Finanzsektor laut. Der Chef der österreichischen Finanzmarktaufsicht, Klaus Kumpfmüller, betont gegenüber der APA, dass Libra reguliert und beaufsichtigt werden müsse. Auch gehe es um internationale Rahmenbedingungen: „Da in der digitalen Welt nationale Grenzen an Bedeutung verlieren, müssen wir hier aber zumindest europäische, wenn nicht sogar möglichst globale Lösungen erarbeiten“.

Man ist geneigt einzuwenden, dass jeder Asset-Markt längst globalisiert ist. (Die weltweite Finanzkrise 2008 nahm mit dem Platzen der Immobilien-Kredit-Blase in den USA seinen Anfang.)

Mark Carney, Boss der Bank of England, geht in seiner Diktion noch weiter: „Es (das Projekt Libra, Anm.) muss sicher sein, oder es wird nicht passieren.“

Libra und die Ratlosigkeit des Finanzsektors

Ja, nein, vielleicht

Immerhin äußerte sich der Präsident der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Felix Hufeld, nicht nur negativ. Er sehe es positiv, dass Libra – im Gegensatz zu Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Ripple – an einen Korb von (Fiat-)Währungen gekoppelt sein wird. Interessanter Weise ist dieser Reserve-Korb wiederum Wuermeling von der Deutschen Bundesbank ein Dorn im Auge: „Facebook könnte Unmengen an Staatsanleihen horten und sich zu einem der größten Gläubiger von Staaten entwickeln.“

Libra könne eine Chance für Länder mit wenig entwickeltem Banksektor sein, sagt Hufeld von der BaFin. Bei den nervösen und widersprüchlichen Statements aus der Finanzwelt könnte man meinen: Libra ist wohl auch eine Chance für Länder mit weit entwickeltem Banksektor. Und genau davor hat dieser Angst.

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Sascha Bém

Sascha Bém, Chefredakteur des Krypto-Monitors, ist erfahrener Journalist und Medienmacher. Er arbeitete in den vergangenen 20 Jahren in den Bereichen Tageszeitung, Magazin sowie Online – sowohl als publizierender Autor als auch als Chefredakteur – und unterstützt Organisationen als Medien- und Kommunikationsberater.
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